© 2015, Josse Goffin, Regard à gauche

In memoriam: Robert Schaus

Bruno Kartheuser

Texte

Die folgenden Darlegungen lehnen sich an meine Ausführungen an, die ich bei der Gedenklesung in der Borner Kunstgalerie am 15. April gehalten habe. Sie beanspruchen sicherlich nicht, eine allgemeingültige Würdigung des Freundes zu sein. Das bleibe späteren Unternehmungen vorbehalten.


Ich lege mir erstaunt Rechenschaft darüber ab, dass die erste Sequenz von Robert Schaus’ neuem Werk, Die andere Seite, eine frappierende Ähnlichkeit aufzeigt mit dem ersten Gedicht jenes Buches, das gleichsam seine Entrée in die ostbelgische Literatur darstellt: Es schließt sich der Kreis, publiziert 1985, als Hommage an seinen 1976 verstorbenen älteren Bruder. Er schreibt:

Das Wasser umschlingt
Deine Glieder
Es schwingen sich Lieder
Vergangener Zeit
Durch den Raum
Und wie Gedanken im Traum
Treiben Deine Bewegungen
Im Meeresschaum


Es war eine literarische Trauerarbeit mit der Mitteilung: Ich bin bei dir. Die deutsche Fassung ging auf die französische Erstveröffentlichung zurück unter dem Titel La fin d’un homme heureux. Es war die Literatur gewordene Darstellung, wie einer sich unter unentrinnbarem Zwang aus dem Leben verabschieden muss, mit den Merkmalen überhöht, abgeklärt, „abgeschöpft“ vom Konkreten und Materiellen bis zur reinen Substanz in Bildern. 1976 war auch das Todesjahr der Mutter.
Aus den vielen Facetten von Robert Schaus möchte ich deren zwei erinnern.

Da gibt es das unübersehbare Bemühen um Ästhetik. Man kann es auch umschreiben mit Verfeinerung, Stil, Formbewusstsein. Bei den Gedichten war es die Pflege des Rahmens. Er bekannte sich zur notwendigen Veröffentlichung, Poesie gehört unbedingt in den öffentlichen Raum. Seine Bücher sind ansprechend gestaltet, haben ein Cachet, sind gebunden. Die Vorstellung findet in einem festlichen, organisierten Rahmen statt. Kurzum: um dem Werk Sichtbarkeit zu verleihen, bedarf es gewisser Rituale. Das entspricht auch dem hohen Anspruch, den Robert sich in seiner poetischen Kreation stellte.

Dasselbe gilt für die bildende Kunst, seine zweite Berufung, der er sich ab den 90er Jahren zunehmend widmete. Auch hier eine äußerst gewissenhafte Vorgehensweise im Handwerklichen, auch hier die Suche nach Formvollendung. Hier galt es, anders als in der Poesie, Bilder für die Augen zu gestalten.

Eine hohe Kunstfertigkeit, Geschmack und ein professionelles Auge entwickelte Robert in der Gestaltung von Ausstellungen. Bei KRAUTGARTEN gab es die Ausstellungen von 1997 (15 Jahre, ein Colloquium in St. Vith) und 2007 (Jubilandum: 35 Künstler in Eupen). Er half anderen, Sinn und Sensibilität für Kunst zu entwickeln. Er verstand sich darauf, Kunst zu zeigen und zu deuten.

Das Bemühen um Form und Stil prägte auch sein Auftreten, sein Sprechen mit den Menschen, seine von Herzen kommende Höflichkeit, seine Verbindlichkeit, sein Feingefühl, seine Diskretion.
Es war eine Bereicherung und ein Gewinn, mit ihm unterwegs zu sein zu Lesungen und Begegnungen. Er war ein gewinnender Botschafter – für die Dichtung und für die ostbelgische Literatur

Dann möchte ich seine Begabung für Kollegialität und Solidarität hervorheben, sowie seine Treue und Verlässlichkeit. Seit 30 Jahren war Robert mit Leo Gillessen einer der drei Grundpfeiler unseres literarischen Unternehmens. Man sagte damals manchmal: eine Bürgerinitiative für Literatur. KRAUTGARTEN ist eine Eigeninitiative von schreibenden Menschen, angefangen 1981 mit der Schreibstube und sich ab 1982 in einer halbjährlichen Zeitschrift fortsetzend. KRAUTGARTEN ist keine Staatsgründung. Staat, Politik und Bürokratie waren eher hindernde, störende und zuletzt sogar zerstörerische, vernichtende Elemente auf unserm Parcours.


Die Gemeinsamkeit der drei „Basis-Autoren“ haben wir 1992 mit der Herausgabe eines gemeinsamen Bandes dokumentiert: Zeitkörner (1992). Das war die Bekräftigung von Kollegialität. Es gab keine Rivalität und Konkurrenz. Letztes Jahr haben wir erneut diese Dreierschaft dokumentiert, mit der Herausgabe eines Gedichtbandes für jeden von uns. Das war auch die Lesung beim Sommerfest am 21. Juni, unsere letzte gemeinsame Lesung – nach zahllosen davor in 30 Jahren.

Hier ein paar Orte, in denen Robert mit uns als Autor aufgetreten ist: Lüttich Brüssel Namur Gent Aachen Daun Trier Köln Magdeburg Berlin Luxemburg Esch Dornbirn Antwerpen Charleville-Mézières ... Literatur immer in Kollegialität und werbend für unsere Region, inmitten eines Netzwerkes von neun Regionen und Ländern, mit zahlreichen Autoren- und Künstlerfreundschaften.

Robert war auch Vermittler für KRAUTGARTEN. Unsere ersten Kontakte nach Lüttich und zu dem Milieu um Jacques Izoard verdanken wir ihm. Ebenso zahlreiche Lesungen in französischer Sprache in Belgien.
Dort wo Robert wirkte, brachte er sich ein, er engagierte sich. Das waren zahlreiche Versammlungen und Planungssitzungen, die uns oft von den politischen Gegnern im rechten, völkischen und identitären Lager aufgezwungen wurden. Als Vorsitzender und Verantwortlicher halte ich dankbar fest, dass Robert eng und intensiv an der Planung und Entscheidung bei allen wesentlichen Optionen des KRAUTGARTEN beteiligt war, auch der politischen. Er scheute sich nicht, Position zu beziehen, öffentlich zu demonstrieren oder Flugblätter zu verteilen, und er war als gewinnender und diplomatischer Mensch beteiligt an Verhandlungen in Kontroversen.

Zu diesem Aspekt seiner Persönlichkeit gehörte schließlich auch sein Sinn für Konvivialität und Lebenskunst. Wieviel Wohlgefühl haben wir nicht gelebt bei den gemeinsamen Mahlzeiten und Festen: beim Essen, Trinken und Plaudern in geselliger Runde, gleich wie bedrückend die Probleme auch sein konnten. So dass wir sagen können: Wir haben eine gute Zeit gehabt.


Noch einmal zurück zum Werk. Unser gemeinsamer Freund, der Journalist und Kunstkritiker Albert Moxhet schreibt über Roberts Werk:
   " Robert Schaus’ Schaffen umfasst die Dichtung und die Bildende Kunst. Seine Werke artikulieren sich mit Vorliebe in Sequenzen, so wie sich das Thema einer Meditation in aufeinander folgenden und sich ergänzenden Phasen entwickeln kann, notwendige Bruchteile, die es erlauben, ein Ganzes unter verschiedenen Sichtweisen zu erfassen. Wenn man dieses Herangehen an das Material als ein Abschürfen betrachten kann, bringt der Vorgang Welten zum Vorschein. Seine Werke rufen uns, den Menschen in Erinnerung, dass die Zeit auch in unserer Sanduhr vergeht.“


In dem Gedicht für seinen Bruder schrieb Robert:

Der Stein legt sich
In deinen Schoß
O meine schwarze Erde du
Und aus dem Bett wachsen
Mauern
Die in den Raum neue Räume
Für uns bauen


Neue Räume für uns bauen: das ist der Auftrag, der aus der Trauer erwächst. 1983 war es ein Buch für den Bruder. Heute kann es gelesen werden als ein Geleit für seine eigene Vollendung. Das ist das Besondere an der Dichtung: Sie kann sich vertiefen, erweitern, neue Bedeutungen erlangen. Und um keinen Zweifel daran zu lassen, dass der Weg letztlich für uns alle wieder in die Fröhlichkeit und Lebensfreude führen muss, zitiere ich diese Strophe aus Es schließt sich der Kreis:

Die Sonne fegt weg
Die Reste der Nacht
Der Weg lacht dir entgegen
Am Berg die Hoffnung der Reben
Lässt dich erbeben
Schon fühlst du dich erfrischt
Denn Wein ist nun
In deinen Traum gemischt



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Bruno Kartheuser