© 2015, Josse Goffin, Regard à gauche

Die andere Seite / L’autre côté

 Robert Schaus

Texte

Nie bin ich erkennbaren Hindernissen begegnet, und doch ist es mir nicht gelungen, die andere
Seite zu erreichen. Jeder meiner Versuche ist damit gescheitert, dass ich mitten in meinem Unternehmen plötzlich einen kaum wahrnehmbaren Schock verspürte, mich eine Weile durch Raum und Zeit getragen fühlte und mich dann schließlich in unmittelbarer Nähe des Ortes wiederfand, den ich kurze Zeit zuvor verlassen hatte.
Nachdem ich mich wiederholte Male mit diesem sonderbaren Vorgang auseinandergesetzt habe, bin ich zu folgender Feststellung gekommen: Mein Weg zur anderen Seite, so glaube ich wenigstens, wird von einer Art verborgenem, elastischem Schirm, Schleier oder Netz aufgefangen und beim Vorwärtsdringen leistet dieses unsichtbare, dehnbare Hindernis keinen erkennbaren Widerstand. Es gibt vor meinen Bemühungen nach bis zu dem Punkt, wo mein Eigengewicht nicht mehr in einem ausgeglichenen Verhältnis zu dem Druck des Schirmes steht, bis also die Spannung zwischen mir und dem Netz aus dem Gleichgewicht gerät, und ich unbewusst, aus Versehen oder Ungeschicklichkeit, den Mechanismus auslöse, der mich zu meinem Ausgangspunkt zurückführt, so dass ich jedes Mal wie von einem im Zeitlupentempo arbeitenden Katapult sanft und unbeschädigt zurückbefördert werde zu dem Ort, den ich vor kurzem erst verlassen habe.
Dann entschloss ich mich, mir auf der Grundlage dieser Erkenntnisse endlich den Weg zur anderen Seite verschaffen. Zu diesem Zweck legte ich mir das passende Material zurecht: einen Hammer, ein Dutzend Eisenhaken, ein Seil, und ein Messer mit einigen Reserveklingen. Mein Plan war einfach: Ich wollte in das Netz eindringen wie die anderen Male zuvor. Um aber jede unangenehme Überraschung zu vermeiden, würde ich mich mit dem Haken und dem Seil absichern und mich ähnlich wie ein Bergsteiger an einer steilen Wand vorwärtsbewegen. Ich war überzeugt, dass ich mit diesem Vorgehen einen solchen Druck auf das Netz ausüben könnte, dass es mir wahrnehmbar werde. So wie der verfolgte Schall zu einer Mauer wächst, die es schließlich zu durchbrechen gilt, um auf die andere Seite zu gelangen.
Einige Tage später, am frühen Morgen, startete ich mein Unternehmen. Peinlich genau folgte ich meinem Plan, und meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Da ich nicht den geringsten Widerstand spürte, geriet ich immer wieder in Versuchung, meine guten Vorsätze außer acht
zu lassen und die in regelmäßigen Abständen vorgesehene Absicherung zu unterlassen. Ich war schon weit vorgedrungen und hatte, so glaubte ich wenigstens, einen deutlichen Widerstand gespürt, hatte schon mit dem Messer ausgeholt, zum Schnitt angesetzt, als ich plötzlich von einer
unwiderstehlichen Müdigkeit überfallen wurde. Noch hielt ich sekundenlang die Rechte hochgereckt, dann stürzte ich kopfüber in eine unendliche, alles auflösende Tiefe. Ich hörte Gebell und machte die Augen auf. Neben mir stand mein Hund und wedelte mit dem Schwanz. Ich lag in unserm Garten unter dem Apfelbaum. Leicht bewegten sich die Blätter gegen den blauen Himmel. In meiner Hand hielt ich ein Messer. Neben mir sah ich verstreut ein Seil, einige Haken und einen Hammer liegen. Aus der Küche drang die Stimme meiner Frau. Sie rief mir zu, der Frühstückstisch sei gedeckt, ich solle mich doch endlich zu den andern gesellen.

*

L'autre côté

À chaque fois, je m'étais avancé vers l'autre côté sans rencontrer d'obstacles lorsque, subitement, je percevais un léger choc, me sentais transporté a travers le temps et l'espace et me retrouvais non loin du lieu que je venais de quitter. Après avoir observé et analysé cet étrange phénomène, je suis arrivé à la conclusion suivante : la route vers l'autre côté, c'est du moins ce dont je suis convaincu, est contrôlée par une sorte d'écran élastique, une espèce de voile ou de filet invisible. Il cède à mon avance sans opposer de résistance, jusqu'au point où je ne fais plus le poids par rapport a l'écran, c'est-a-dire jusqu'au moment où l'équilibre entre le filet et moi-même est rompu et que je déclenche inconsciemment, par méprise ou maladresse le mécanisme qui me ramène a chaque fois doucement, comme une énorme catapulte travaillant au ralenti, a mon lieu de départ.
Il y a quelques jours, ayant donc pris connaissance de ces faits, je voulus enfin m'ouvrir, par un plan très précis, l'accès a l'autre côté. Il était d'ailleurs d'une grande simplicité, comme vous allez le voir. J'avais préparé un matériel déterminé qui se composait d'un maillet, de quelques dizaines de crochets, d'une corde solide, d'un de ces couteaux à lames rechargeables, et de quelques lames de rechange pour ce même couteau. Comme je l'ai dit, le plan était simple. J'allais pénétrer dans l'écran et, pour être sûr de ne plus être catapulté comme les autres fois, j'allais me fixer au sol, grâce aux crampons et à ma corde, et ainsi avancer selon le principe des alpinistes en montagne. Dès que je sentirais alors la moindre résistance,
je prendrais mon couteau et me taillerais un chemin à travers ce mur élastique. Il est vrai que les fois précédentes, je n'avais pas senti la moindre résistance et que malgré cela, je m'étais fait propulser vers mon point de départ. Mais j'étais convaincu que cette fois je pourrais, grâce a mon équipement, exercer une pression telle que l'écran me devienne perceptible. Un peu comme le son qui, poursuivi a une certaine vitesse, se dresse devant le pilote comme un mur qu'il s'agit de percer.
Quelques jours plus tard, aux premières lueurs du jour, je débutai mon entreprise. Je suivis scrupuleusement mon plan et je dois dire que ma patience fut mise à rude épreuve car, ne sentant aucune résistance, je fus constamment tenté de ne pas m'en tenir aux règles que je m'étais fixées. J'avais un bon bout de route et je croyais n'avoir jamais été aussi loin quand il me sembla rencontrer une légère résistance. Je saisis le couteau, le tins dans ma main levée et d'un large geste fis, dans ce mur invisible devant moi, une entaille à travers laquelle je fus aussitôt aspiré. Je m'engouffrai dans un lent tourbillon ä travers un vide sans fond, battant de longues spirales sans cesse répétées lorsque, subitement, je vis éclater le ciel bleu au-dessus de moi. A ma plus grande surprise, je me retrouvai chez moi dans mon jardin, un couteau a la main, et autour de moi éparpillés, une corde, quelques
crampons et un marteau. De la cuisine j'entendis la voix de ma femme qui me criait qu'il était temps de venir rejoindre les autres.

Notes

Aus dem neuen Band: DIE ANDERE SEITE. Ein Grenzgang,
edition KRAUTGARTEN, November 2014.

Das Buch enthält 35 bildhafte Sequenzen (Auszüge in der Juni-Ausgabe des KRAUTGARTEN). Abschließend steht der Text „Die andere Seite". Der erste Nachweis der Thematik dieses neuen Bandes findet sich auf der Einladungskarte der Vervierser Galerie ARTE COPPO zu einer Werkausstellung von Robert Schaus im September und Oktober 1998. Dort ist der Schlusstext des Bandes, den wir hier abdrucken, in Französisch und Deutsch nachzulesen (mit geringfügigen Unterschieden zur heutigen Fassung), auch dort bereits unter dem Titel: „L'autre côté – Die andere Seite".

Robert SCHAUS
1939 Emmels St. Vith. Lebt in G'doumont/Malmedy. Zahlreiche Gedichtbände, darunter La fin d'un homme heureux, Tu fouilleras le ventre du temps, Es schließt sich der Kreis, L'écho des jours qui passent, Wir werden einander an den Narben erkennen, Das Gedächtnis der wilden Früchte (1999). Liliputaner der Liebe (2004). Das Floß (2007). Literaturpreis des Rates der DG 1986 und 1992. Mitglied des belgischen PEN. Seit 1990 ebenfalls Bildender Künstler. Zuletzt: Tu es là, Gedichte (Nantes, Frankreich). NEU 2014: Die andere Seite. Ein Grenzgang.

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Auteurs
 Robert Schaus